Schönheit, die schützt. Klimaschutz und Stadtnatur für ein gesundes Leben in Potsdam.

Die Kreismitgliederversammlung am 16.09.2026 hat beschlossen, dass BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN Potsdam sich für die folgenden Ziele einsetzt:

1. Schönheit, die schützt:

Dieser Hitzesommer hat 16.300 Menschenleben in Deutschland gekostet und uns die Auswirkungen der Klimakrise direkt vor unserer Haustür spüren lassen. In Potsdam hat er uns gezeigt: trotz unserer wunderschönen Stadtnatur mit viel Grün und Wasser sind viele Potsdamerinnen und Potsdamer in den Kitas, Schulen, Senioreneinrichtungen und Krankenhäusern, in den Hitzeinseln in der Stadt vor extremer Hitze nicht ausreichend geschützt. Wir sagen deshalb: Potsdam braucht einen Plan, der so groß denkt wie Lennés Verschönerungsplan von 1833 – einen Plan, der das Schöne wieder mit dem Nützlichen verbindet: Es braucht ausreichend Stadtnatur, die kühlt und schützt, in jeder Straße, in jedem Quartier, für alle Potsdamerinnen und Potsdamer. Wir wollen Lennés Idee deshalb ins Heute neu übersetzen und in Form eines konkreten Plans für mehr Klimaanpassung und Hitzeschutz in die Zukunft tragen. Zugleich machen wir hartnäckig Druck für die nächsten konkreten Umsetzungsschritte bei der Wärme- und Energiewende. Denn Anpassung ohne Klimaschutz wäre ein Wettlauf, den wir verlieren: Jedes Zehntelgrad, das wir vermeiden, entscheidet darüber, wie viel Anpassung überhaupt noch möglich ist.

2. Potsdam passt aufeinander auf

Das Hitzetelefon kommt spätestens zum Sommer 2027 zurück und wird mit freiwilligen Hitzepatenschaften zum Schutznetz ausgebaut – nach dem Vorbild des Kasseler „Sonnenschirms“. Jede amtliche Hitzewarnung löst in städtischen Einrichtungen verbindliche Schutzmaßnahmen gemäß dem kommunalen Hitzeaktionsplan aus.

3. Von jeder Haustür in zehn Minuten ins Kühle

Potsdam baut ein verlässliches Netz kühler Orte mit Sitzplatz und Trinkwasser auf, wie es Barcelona mit über 500 Klimaschutzorten vormacht. Bis spätestens Sommer 2029 erhalten mindestens zehn besonders heiße Alltagsorte Schatten, ausgewählt nach Stadtklimakarte sowie Alters- und Sozialdaten. Der Zugang zu öffentlichem Trinkwasser wird konsequent vorangetrieben. Dies kann durch den Bau von neuen Trinkwasserbrunnen geschehen oder durch Werbung für zivilgesellschaftliche Aktivitäten wie z.B. die Refill-Initiative.

4. Kitas und Schulen werden hitzefest

Für Neubau und Sanierung kommunaler Bildungsgebäude gilt ein verbindlicher Hitzeschutzstandard. Bis 2035 wird jeder kommunale Schulstandort „Klimaoase“ – mit ausreichend Verschattung, kühlen Orten und Zugang zu Trinkwasser. Wo Platz ist, wächst ein kleiner Schulwald, und geeignete Höfe öffnen wie bei den Pariser „Oasen-Schulhöfen“ am Wochenende für das Quartier. Der Ersatzneubau des Klinikums Ernst von Bergmann wird zum Vorbild für hitzeresilientes Bauen. Seniorenheime, Seniorenfreizeitstätten und Bürgerhäuser werden mit Markisen, Ventilatoren und Klimaanlagen so ausgestattet, dass sie auch an heißen Tagen willkommene Aufenthaltsräume sind.

5. Ein Schattenband führt durch das Herz der Stadt

Insbesondere vom Brandenburger Tor bis St. Peter und Paul und vom Bahnhof bis zum Alten Markt entstehen durchgehend beschattete Wege – mit Bäumen, wo sie wachsen können, und mit Segeln, Pergolen, Fassadengrün oder innovativen Begrünungslösungen (z.B. „ecotrii“), wo Leitungen oder Denkmalschutz es verhindern. So verschatten Sevilla, Córdoba und Granada seit Jahrzehnten ihre Innenstädte. Umgebaut wird wie in Wien vor allem dann, wenn öffentliche Infrastruktur ohnehin saniert, aufgerissen oder gebaut wird.

6. Jeden Tag wächst ein zusätzlicher Stadtbaum

Potsdam pflanzt dauerhaft mindestens 365 zusätzliche Bäume pro Jahr – zusätzlich zum vollständigen Ersatz gefällter Bäume, mit gesicherter Bewässerung und Ausbau von „Potsdam gießt“. Geeignete Haltestellen erhalten schrittweise begrünte Dächer wie in Utrecht, städtische Flächen werden naturnah gepflegt (Blühwiesen, essbare Stadt nach Andernacher Vorbild). Bei geeigneten kommunalen Parkplätzen wird eine ambitionierte Baumquote je Stellplatz eingeführt, und wo Bäume nicht wachsen können, sorgt eine Solarüberdachung für Schatten und Energie. Bei Sanierung gilt wasserdurchlässiger Belag als Standard – kein Parkplatz ohne Grün und ohne Versickerung.

7. Netto-Null-Versiegelung spätestens 2035

Neuversiegelung und Entsiegelung werden gesamtstädtisch bilanziert und ab 2027 jährlich öffentlich ausgewiesen, wie es Leipzig mit seinem Netto-Null-Beschluss vormacht. Netto-Null gilt dabei nicht nur rechnerisch: Ökologisch wertvolle, gewachsene Böden – Kaltluftentstehungsgebiete, Flächen mit hoher Grundwasserneubildung, Moore, Feuchtgebiete und Biotopverbund – werden gar nicht erst versiegelt und dürfen nicht durch die Entsiegelung beliebiger Kleinstflächen andernorts kompensiert werden. Jährlich legt die Stadt ein Entsiegelungsprogramm mit priorisierten Flächen und einem messbaren Flächenziel vor. Wir nehmen als Kreisverband bei der Aktion Abpflastern! teil und setzen uns dafür ein, dass die Aktion auch jährlich stadtseitig unterstützt und beworben wird.

8. Wasser in der Landschaft halten und wirtschaftliche Nutzung ermöglichen, Natur Raum geben und sie gleichzeitig erlebbar machen

Kein städtisches Vorhaben ohne Regenwassernachweis: Eine Niederschlagswassersatzung nach Berliner Vorbild soll das sicherstellen. Vier heiße Quartiere im Potsdamer Süden bekommen Wasserplätze: Schlaatz, Stern, Drewitz und Waldstadt – aufbauend auf den Erfahrungen des entstehenden Cooling Points am Steubenplatz und nach dem Modell des Rotterdamer Benthemplein: im Alltag Spiel und Sport, beim Wolkenbruch Wasserspeicher. Für ein Aktionsprogramm Schwammlandschaft werden Fördergelder eingeworben und bis 2032 mindestens fünf Modellprojekte zum Wasserrückhalt gestartet – z.B. Wiedervernässung von Mooren, steuerbarer Rückhalt in Gräben, renaturierte Fließ- und Kleingewässer zusätzlich zur Nuthe, gezielte Versickerung. Der Groß Glienicker See wird gerettet – und zeigt modellhaft, wie in wasserreichen Winterphasen entnommenes, hochwertig aufbereitetes Havelwasser zur Hebung des Grundwasserspiegels direkt eingeleitet oder im Einzugsgebiet versickert und gespeichert werden kann. Die Wiedervernässung von ehemaligen Moorflächen wird gemeinsam mit dem Landesamt für Umwelt und Flächeneigentümer*innen und -nutzenden noch einmal angegangen. Ziel muss es dabei
sein, Wasserrückhalt zu schaffen und gleichzeitig wirtschaftliche Nutzung der Flächen zu ermöglichen. Die begradigte Nuthe wird wieder renaturiert und dabei für die Menschen insbesondere im angrenzenden Stadtteil Am Schlaatz als Naturraum erlebbar gemacht. Die Renaturierung und Reaktivierung des Aradosees als Badegewässer wird in diesem Zusammenhang weiterverfolgt.

9. Öffentliche Zugänge am Wasser schaffen

Da wo – außerhalb von Schutzgebieten – Ufer bereits im öffentlichen Eigentum sind bzw. Planungsrecht für Uferwege besteht, wollen wir diese Zugänge realisieren bzw. die Zugänglichmachung voranbringen (z.B. am Griebnitzsee, Groß Glienicker See). Dort, wo das noch nicht der Fall ist, wollen wir die Zugänglichmachung vorantreiben (u.a. am Griebnitzsee und am Krampnitzsee).

10. Grüner Daumen trifft kurzen Dienstweg

Baumscheibe bepflanzen, Hof entsiegeln, Regenwasser sammeln: Das lässt sich künftig online in wenigen Minuten beantragen, wie es nebenan in Charlottenburg-Wilmersdorf längst funktioniert. In den Stadtteilbudgets des Bürgerhaushalts können künftig Kiezbudgets für kleinteilige Begrünungsprojekte (z.B. Baumscheiben) durch die örtliche Bürgerschaft aktiviert werden.

11. Die Wärmewende kommt vom Plan in die Umsetzung

Die 15 Maßnahmen des im Juni 2026 beschlossenen Wärmeplans werden priorisiert, mit Kosten hinterlegt und Schritt für Schritt beschlossen; die Steuerungsgruppe wird arbeitsfähig gemacht und der Fortschritt jährlich öffentlich berichtet. Am Ziel der EWP, die Wärmeversorgung bis 2035 fossilfrei zu machen, halten wir fest. Wer zur Miete wohnt, soll durch die Heizkostenersparnis am Ende nicht mehr zahlen.

12. Energie aus Sonne und Wind zum Mitmachen

Geeignete städtische Dächer und Fassaden werden konsequent für Solarenergie genutzt und der Ausbau jährlich transparent gemacht. Im kommunalen Wohnungsbestand soll der Strom vom Dach über Mieterstrom oder gemeinschaftliche Gebäudeversorgung auch den Menschen im Haus zugutekommen. Die Nutzung von sog. Steckersolaranlagen für Mietende wird von der Stadt und den kommunalen Wohnungsbaugesellschaften konsequent unterstützt. Die begonnenen Planungen für Wind- und Freiflächenenergie bringen wir naturverträglich voran – mit Beteiligungsmöglichkeiten für Bürgerinnen und Bürger und festen Einnahmen für die betroffenen Ortsteile. Eine Potsdamer Energieagentur wird geschaffen. Wer eine Heizung tauschen, ein Dach dämmen oder Solarstrom nutzen will, soll eine erste Anlaufstelle haben.

13. Land und Bund in die Pflicht nehmen

Potsdam hat als Stadt gewichtige Hebel, um Klimaschutz und Klimaanpassung auf lokaler Ebene voranzubringen. Aber ohne Bund und Land ist die Aufgabe nicht zu schaffen. Klimaanpassung und Naturschutz gehören als Gemeinschaftsaufgabe ins Grundgesetz. Zur Finanzierung der erforderlichen Maßnahmen wird das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität genutzt. Vom Bund fordern wir bundesweite Mindeststandards für den Hitzeschutz, ein einheitliches Monitoring und Investitionsmittel für hitzefeste soziale Einrichtungen, das Bundes-Klimaanpassungsgesetz endlich landesrechtlich auszufüllen und kommunale Hitzeaktionspläne verbindlich zu machen – dann aber auch zu finanzieren. Dazu fordern wir ein dauerhaftes Landesprogramm Hitzeschutz für soziale Einrichtungen wie Kitas, Schulen, Wohnungslosenunterkünfte, Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen, Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen; verbindliche Hitzeschutzstandards für öffentliche Neu- und Umbauten; die dauerhafte Mitfinanzierung von Personal für Klimafolgenanpassung und eine Landes-Entsiegelungsprämie nach baden-württembergischem Vorbild. Beim Wasser braucht es ein Brandenburgisches Wassergesetz mit Vorrang für den Wasserrückhalt, nachhaltiger Bewirtschaftung statt Profitgier. Es braucht eine klare Ermächtigung für kommunale Regenwassersatzungen, klare Regeln für Wasserentnahmen samt Überprüfung bestehender Genehmigungen und einer fairen Beteiligung von Großverbrauchern – wer viel entnimmt, muss auch angemessen beitragen – sowie ein gemeinsames Grundwasser- und Seenmanagement von Berlin und Brandenburg: Unsere Seen enden nicht an der Landesgrenze, die Politik darf es auch nicht.

14. Ehrlich bleiben

Wir versprechen keine Stadt, in der Hitze niemandem mehr etwas anhaben kann. Die Sommer werden härter, auch mit jeder umgesetzten Maßnahme aus diesem Antrag. Ein Baum, den wir 2027 pflanzen, wirft erst nach vielen Jahren Schatten. Unsere Grundwasserstände kehren auch mit wirksamen Maßnahmen, die das Austrocknen oder Kippen unserer Seen oder Fließgewässer verhindern, nicht auf den Stand der neunziger Jahre zurück. Und die meisten von uns in den Blick genommenen Lösungen kosten Geld, das im Haushalt bisher nicht steht und zunächst priorisiert werden muss. Klar ist: Ein großer Teil der Maßnahmen wird ohne Bundes- und Landesförderung aus der Stadtkasse nicht zu finanzieren sein. Es gibt Zielkonflikte und Verteilungsfragen, die wir nicht wegreden: Wie schaffen wir Schatten, ohne Denkmäler zu beschädigen? Wie bauen wir Wohnungen, ohne immer mehr Boden zu versiegeln? Und wie finanzieren wir die Wärmewende, ohne Menschen mit kleinen und mittleren Einkommen zu überfordern? Nicht alles lässt sich gleichzeitig umsetzen und vollständig in Einklang bringen. Aber wir können Konflikte transparent abwägen, Belastungen fair verteilen und Lösungen wählen, die möglichst viel zusammenbringen. Unser Maßstab ist, ob Maßnahmen unsere Lebensgrundlagen vor Ort schützen, sozial gerecht sind und lokale Wertschöpfung stärken. Wir sorgen dafür, dass Klima Thema bleibt, auch wenn die Hitzewelle und die Aufmerksamkeit weitergezogen sind. Wir arbeiten hartnäckig daran, die weitere Erwärmung so zu begrenzen, dass wir die bereits heute unvermeidbaren Folgen mit Klimaanpassung so weit abmildern können, dass wir mit ihnen dennoch leben können. Potsdam soll trotz spürbarer und auch schmerzhafter Veränderungen eine Stadt bleiben, in der wir und unsere Kinder und Enkel eine lebenswerte Zukunft haben können.

Für ein lebenswertes Potsdam: …
AG Ü60 sucht Mitstreiter*innen…