Brücken bauen: zum Tag der deutschen Einheit 2026

Ein Gastbeitrag von unserem Mitglied Frank Otto

Was war das für eine deprimierende Stimmung, als am 01.09.1989 das Studien- und Schuljahr wieder begann. Sehr viele hatten die Bevormundung in der DDR satt und wählten in diesem Sommer den Weg über bundesdeutsche Botschaften in den Westen. Einer unserer Studenten wurde in Dresden beim Durchlauf der Züge aus Prag verhaftet. In Potsdam machte sich bald der Mangel an Fachkräften, vor allem im Gesundheitswesen, bemerkbar. Viele grüßten schon aus dem Westen.

Ein erster Hoffnungsschimmer war die Gründung des Neuen Forums am 12. September 1989. In Potsdam unterschrieben Tausende den Aufruf dieser Plattform. Als der Aufruf am 04.10.1989 in der Babelsberger Friedrichskirche vorgestellt wurde, war der Weberplatz in der Abenddämmerung überfüllt, während Bereitschaftspolizei am Karl-Liebknecht-Stadion zusammengezogen war. Der Auftritt in der Kirche musste dreimal wiederholt werden.

Am 07.10.1989 trafen sich früh um 10 Uhr einige Mutige mit einer Blume in der Hand an der Weltzeituhr in der Nähe des Brandenburger Tores und zogen singend durch die heutige Brandenburger Straße, bis sie von der Polizei zerstreut wurden. Die damalige Nervosität der staatlichen Organe zeigte sich auch darin, dass daraufhin viele Unbeteiligte im Szenetreffpunkt Café Heider verhaftet wurden.

Die Montagsdemonstrationen in Leipzig wuchsen dagegen enorm. Der Wendepunkt geschah am 9. Oktober 1989, als trotz Warnungen in Schulen und Betrieben, trotz alarmierter Kampfgruppen und bereitgestellter Blutkonserven 70 000 Menschen in Leipzig „Ohne Gewalt“ auf die Straße gingen. Menschen kamen zunehmend hinter ihren Gardinen hervor, wurden mutiger. Von Leipzig aus schwappte der Veränderungswillen aufs ganze Land über. Die Medien wurden offener. Die Menschen gingen aufrechter, was sich eindrucksvoll in den großen Demonstrationen am 4. November 1989 in Berlin, in anderen Städten und auch mit 20.000 Teilnehmenden in Potsdam zeigte. Viele erinnern sich an diese Tage als beglückende, ja schönste Zeit ihres Lebens.

Schon fünf Tage später fiel die Mauer. Große Euphorie flutete das Land. Menschen fielen einander in den Armen.

Und wir Bürgerbewegten, unerfahren wie wir waren, organisierten Runde Tische, spielten Demokratie, während das Kapital schon seine Claims absteckte und die Treuhand begann, das Land zu verscherbeln.
Bei den ersten freien Volkskammerwahlen in der DDR am 18. März 1990 entschied sich eine Mehrheit für den schnellen Weg in die Vereinigung in Form eines Anschlusses an die Bundesrepublik. Den versprochenen blühenden Landschaften wurde mehr zugetraut als dem eigenen Gestaltungswillen.
Am 3. Oktober 1990 sang die Führungsspitze der Bundesrepublik mit dem Rest der letzten DDR-Regierung vor dem Reichstag im Feuerwerk ziemlich schräg die nun gesamtnationale Hymne. Damit war der Weg in ein neues Deutschland endgültig geebnet – viele waren inzwischen ernüchtert, doch das Neuland wurde betreten.

Der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk spricht von einem „Freiheitsschock“: Mit der Freiheit kamen nicht nur Reisemöglichkeiten und volle Schaufenster, sondern auch Eigenverantwortung, Konkurrenz, Unsicherheit und tiefgreifende Umbrüche. Viele erlebten die Zeit nach der friedlichen Revolution als persönliche Überforderung. Heute vergessen manche die Mängel des Lebens in der DDR, verklären den vormundschaftlichen Staat und verfallen in Ostalgie. Die Erfahrungen der Überforderung und der gebrochenen Biografien verdienen Verständnis. Es ist jedoch bitter, wenn gerade das Spaltungsunternehmen AfD diese Erfahrungen instrumentalisiert und die Demokratie gleich insgesamt infrage stellt.

Zur Spaltung eignen sich alle nur denkbaren Differenzen: Reich gegen Arm, Ost gegen West, Mann gegen Frau, jung gegen alt, Stadt gegen Land, links gegen rechts – und vieles mehr. Statt Gräben brauchen wir heute in einer zunehmend komplexer gewordenen Gesellschaft eine gemeinsame Mitte (GG) Brücken zueinander, Solidarität und Zusammenhalt.
Tatsächlich zeigte das Sommermärchen 2006, dass das Land zusammenkommen kann. In Public Viewings sah ich Studierende meiner Schule tanzen, die sich zuvor kaum für Fußball interessierten. Ich spürte stark, in was für einem tollen Land ich lebe.
2015 öffneten viele ihre Arme für Geflüchtete; andere instrumentalisierten die sich ergebenden Probleme für Hass und Hetze, für Spaltung.
In diesem Jahr fieberten viele mit unseren Basketballfrauen. Ihre Spiele bei der Heim-WM waren ausverkauft.
Jürgen Klopp sagte kürzlich in einer Pressekonferenz, er wolle die Fahne und den Stolz auf unser Land zurückholen, quasi nicht dem Falschen überlassen.
Wenn heute wieder über Patriotismus nachgedacht wird, scheint mir Habermas‘ Ruf nach einem Verfassungspatriotismus relevant. Wir haben eine so tolle Verfassung. Der § 1, der die Lehre aus furchtbarer Vergangenheit ist, schützt die Würde eines jeden Menschen. Die Verfassung muss als Brücke genutzt werden, um Spaltungen zu reduzieren. Wichtige Pfeiler dieser Brücke scheinen mir Solidarität, ehrliche Erzählungen, respektvoller Umgang politisch Verantwortlicher miteinander und ein konstruktiver Journalismus.
Der erste Pfeiler wäre für mich die Solidarität – die Unterstützung jener, die es bedürfen, beginnend mit Nachbarschaftshilfe, über das Ehrenamt, der Förderung abgelegener ländlicher Regionen bis zum Blick weit über die Landesgrenzen hinaus.
Wir brauchen zweitens eine Erzählung, die nach vorn weist, die ehrlich sagt, dass nicht nur Wachstum zählt, wir keine Insel sind, jedoch über den Friedensnobelpreisträger „Europäische Union“ als starkes Land in dieser Union viel Verbindendes schaffen können.

Diese Erzählung soll die vielfältige, bunte Gesellschaft voller Möglichkeiten in den Mittelpunkt stellen. Wie beglückt war ich, als Schülerinnen und Schüler einer Berliner Schule meine Frage bearbeiteten, was sie an Deutschland lieben, und überwiegend die Verschiedenheit und die vielen Kulturen betonten.
Wir brauchen drittens mehr Respekt der demokratischen Parteienvertreter*innen untereinander, denen es wie uns wichtig ist, die Verfassung zu schützen und den Zusammenhalt in der Gesellschaft zu stärken. Gegenseitiges Bashing nützt eher den Demokratiefeinden.

Wir brauchen viertens Medien, die keine Keile zwischen den demokratischen Parteien treiben, sondern Differenzen sachlich darstellen, Problemlagen beschreiben, Lösungen aufzeigen und gute Beispiele nach vorn stellen.
Es gibt mehr Gutes in unserem Land, als die meisten denken!

Und, fällt euch noch ein fünfter Brückenpfeiler ein?


Frank Otto ist ehemaliger Bürgerrechtler und Potsdamer Stadtverordneter.
Er arbeitete 1989 als Dozent für Psychologie an der kirchlichen Ausbildungsstätte für Gemeindediakonie und Sozialarbeit und engagierte sich im Neuen Forum.
Er ist langjähriges Mitglied unserer Partei.

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